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Geschichte - Teil 4: Der Alltag

Nach den Gründungs – und Wachstumsjahren stagnierte die Entwicklung scheinbar. Das interne Leben Benpostas rückte in den Mittelpunkt. Die politische Landschaft in Spanien hatte sich verändert und somit fiel die Diktatur als Gegenpart für die politische Bewußtseinsbildung aus. Benposta könnte sich jetzt auf innere Konsolidierung konzentrieren und die Einrichtung festigen.
Teilweise sind die 80er Jahren auch in diesem Sinne zu beschreiben. Die Arbeitsmöglichkeiten in den Werkstätten erweiterten sich und der Zirkus hatte die Chance, eine feste Einrichtung mit eigener Unterkunft zu werden. Die Bildungs  – Ausbildungsmöglichkeiten waren mindestens formal auf einem hohen Stand. Hausgemachte Krisen und anscheinend kaum vorhandene oder schlechte wirtschaftliche Planung erschütterten die Ruhe allerdings immer wieder.
1981 wurde in Madrid die „Ciudad Feliz“ gegründet. Der Zirkus hatte somit einen festen Wohn – und Spielort in der Nachbarschaft der „Plaza de Torres“ und blieb dort bis 1984. In dieser Zeit existierten also praktisch zwei Benposta–Einrichtungen auf spanischen Boden. Da die eigentliche Selbstverwaltung nur in Teilen funktionierte, wurden wesentlichen Fragen immer nur in Anwesenheit Padre Silva geklärt, was natürlich organisatorischen Problemen führte.
Die zwischenzeitliche Überlegungen, ganz nach Madrid umzuziehen zerschlug sich und so wurde Benposta Madrid nicht die neue „Hauptstadt“, sondern aufgelöst.
 
Der Zirkus war nach Streitigkeiten über Ziele, Programm, aber auch über grundsätzliche Fragen dem Stellenwert und der Bedeutung Benpostas in einer tiefen Krise. Erst 1984 gab es ein neues Programm und der Zirkus ging wieder auf Tournee.
In den 80er Jahren entstand in Benposta auch die „Poliedro“, der feste Zirkusbau, der durch seine gewaltige Ausmaße die Silhouette Benpostas prägt. Dadurch waren bessere Trainings und Ausführungsmöglichkeiten (für das benachbarte Orense) gegeben.
Eine weitere wesentliche Erneuerung war der Aufbau der Fernsehschule, die im Jahr 1986 gegründet wurde.
Aber die vielleicht wichtigste Erneuerung, die etwa Mitte der 70er Jahre begann, war die Aufnahme von Mädchen, die der bisherigen Jungen - Stadt ein völlig neues Gesicht gab. Die eigene Geschichtssbeschreibung berichtet von der ersten Bürgermeisterin in den frühen 80er Jahren. Die Wohneinrichtungen wurden so umgestaltet, daß Mädchen und Jungen nicht in den gleichen Unterkünften schlafen mußten.

Eine andere wesentliche Veränderung ergab sich aus der eingangs beschriebenen gesellschaftlichen Umwandlung in Spanien. Es kamen kaum noch Kinder aus der Umgebung, sondern die Herkunft der neuen Beposteños lag auf anderen Kontinenten .

Zu Beginn der 90er wurde die „Escola de Imaxe e Son“ öffentlich anerkannt und 1995 in Benposta – Orense der „Kanal 22“ als erster privater Fernsehsender gegründet.

1999 begann eine  der größten Krisen Benpostas. Der geplante Neubau eines Fußballstadions durch die Stadt Orense auf bisherigen Gelände Benpostas erschütterte die kleine Republik und eskalierte zu einem politischen Streit, der sowohl auf der Straße (Demonstrationen), als auch zwischen den Parteien in Orense und im Provinzparlament ausgetragen wurde.


Abbrüche und Krisen

Padre Silva Traum wurde in den 60er Jahren Realität. Benpostas Entwicklung erfolgte sehr schnell in verschiedenen Projekten.
Der Visionär, als der Padre Silva gerne beschrieben wird und sich selber wohl auch gerne sieht, mußte die Erfahrung machen, daß nach ersten Jahren der Euphorien seine Muchachos nicht alles mit tragen wollten, was er entwickelte oder was sich als Chance eröffnen ließ. Gegen Ende der 60er Jahre verließ ein großer Teil der „alten“ Muchachos Benposta, die bis dahin die „Führungsriege“ darstellten.
Die Bewohner Benpostas waren nur zum Teil an der Bildung einer Institution interessiert, die das Leid der Kinder in der ganzen Welt bekämpfen sollen und wollte. Es gab immer auch sehr handfeste und persönliche Interesse, die zum Verlassen führten. Daneben standen ideologische Gründe, die manchmal zum Abbruch ganzer Gruppen führte und nicht zuletzt erwies sich Padre Silva auch immer wieder als „schwieriger“ Partner, wenn Benpostas Änderungen wünschten, die nicht seiner Idee entsprachen.

Der Verein

Die Bewohner Benpostas in Orense sind nicht Besitzer ihrer Lebenswelt. Dieses ist eine fundamentale Tatsache,  die ein großes Problem für eine wirkliche Selbstverwaltung darstellt.
Besitzer des Grundstücks und aller  anderen Werten ist ein Trägerverein. Dieser Verein „Asociación ciudad de los Muchachos“ wurde am 15.12.1965 gegründet.Ein solcher verrein braucht eine staatliche Anerkennung, um als Träger einer Wohltätigkeitseinrichtung tätig zu sein. Diese Hürde wurde mit der allgemein staatlichen Anerkennung am 30.04.1966 und am 17.07.1968 als „private gemischte Wohltätigkeitsorganisation“ genommen. In der Satzung des Trägervereins, die 1965 vom Präsident Jesus Cesar Mendez und vom Sekretär José Luis Aranda unterschrieben wurde, finden sich Regelungen über Ziele, Mitgliedschaft, Besitz, Finanzierung, Auflösung des Vereines, usw.- Artikel 10 sagt z.B. daß der Präsident und in dessen Abwesenheit der Vizepräsident, als rechtlicher und außerrechtlicher Vertreter des Vereins bevollmächtigt ist, über den Besitz des Vereins zu verfügen.
Der Präsident des Vereins war und ist Padre Silva. Die anderen wichtigen Posten waren anfangs mit Muchachos der erster Generation besetzt, aber nachdem hier die erste Austrittswelle erfolgte, wurde der Vizepräsident Padre Silvas Bruder Pocholo. Als Rechtsanwalt mit eigener Praxis und großer Versicherungsagentur in der Stadt Orense ist er eine wichtige Person im Leben des Vereins und Benpostas insgesamt, die allerdings nach außen nicht so sehr in Erscheinung tritt. Insgesamt wechselte die zentrale Entscheidungsgewalt, sowohl informell als auch formal, immer mehr in die Hände der Familie Padre Silva.


Das Kloster San Pedro de Rocas


An der Eingangstür des Klosters befindet sich eine Inschrift, die den besucher einen wesentlichen Teil der heutigen Bedeutung mitteilt:

„Die Seele Benpostas“

In den Jahren unserer Besuche hat sich der Charakter des Klosters deutlich gewandelt. Waren zu Beginn, lediglich einzelne Benposteños oder einmal sehr Natur – oder Kultur interessierte Wanderer anzutreffen, finden wir heute fast jedem Besuch einen oder mehrere Autobusse und private Wagen voller Besucher, die das entschlossene Kultur – und/oder Religion - historische Kleinod besichtigen wollen.
Stille und naturnahe Eindrücke eines abgeschiedenen Ortes, hoch in den Bergen, prägten unsere ersten Eindrücke und heute hat mit dem kleinen Häuschen der Touristenbehörde nicht nur die Elektrizität San Pedro erreicht, sondern neben dem Andenkenverkauft und gekühlten Getränken finden wir sogar eine Toilette für Besucher. Die moderne Zeit ist angekommen.

Der Name des Klosters entstammt vermutlich seiner Lage: Hoch in den bergen auf einem riesigen Felsmassiv, an einem vermutlich früher schwer zugänglichen Hang. Es gibt eine offizielle Erklärung: (für die Touristen)

„Monaterio de San Pedro de Rocas. Es stammt aus dem 6.Jahrhundert (Jahr 573). Die Kirche ist archäologisches Monument von dem nur noch die Grundmauern erhalten sind. Die Ansicht der drei trologyte/troloditas Kapellen wurde für die Konstruktion benötigt und war eine der Wände der Kirche. Der eigentliche Eingang war in den Felsen gehauen“.

San Pedro war vermutlich eines der ersten Kloster in Spanien überhaupt und ist im Laufe seiner Geschichte immer wieder verlassen und neu besiedelt worden. Im 16.Jahrhundert wurde ein weiteres Gebäude errichtet. Bevor das Kloster durch Benposta neu zum Leben erweckt wurde, hatten mehr als ein Jahrhundert keine Mönche mehr dort gelebt. Das Kloster besteht heute aus zwei Teilen. Einmal die alte – oben beschriebene Ruine, und daneben der neuere Klosterbau, der den Einwohnern Benpostas seit vielen Jahren und zu vielen Gelegenheiten als Wohnort oder Übernachtungsplatz diente. Padre Silva besuchte mit den Kindern früher das Kloster um zu wandern. Das jetzige Wohnhaus war verfallen. Ein kleiner Teil der heutigen Ausgrabung wurde als Kapelle ab und zu genutzt. Benposta erhielt die Nutzungsrecht und die damaligen Kinder machten sich an die Arbeit, das Haus bewohnbar zu machen. Neben dem Wohnhaus richteten sie auch die kleine Kapelle wieder her. Bei Reinigungs arbeiten entdeckten sie zunächst die alten Wandbilder, die sie aus Unkenntnis zum Teil entfernten(1960). In dieser zeit bekam Padre Silva Geld vom Landesparlament für die Renovierung der Gebäude. Etwas später entdeckten sie bei Erdarbeiten außerhalb der Kapelle das erste Grab. Bei den dann folgenden, gezielten Suchen, wurden im Inneren die heute zu sehenden Gräber der weitere Teil der ursprüngliche Kapelle und andere archäologischen Funde freigelegt. Die Funde führten in der Mitte der 60er und Anfang der 70er zu vielen Besuchen verschiedener Archäologen, die  Bedeutung des Klosters herausfanden.  In unterschiedlichen Hinweisen heißt es, San Pedro war ein erster Ort der Kath.Kirche in Spanien. Andere Schriften berichten: Die Lage, direkt an einem alten, aus römischer Zeit stammenden Handels – und Reiseweg, weist mindestens auf einen hohen Stellenwert hin.

Hier in diesem Kloster entwicklete sich das, was später mit dem geist, der Seele Benpostas, bezeichnet wurde. Dieser Ort wurde zur seelischen und geistigen Stabilisierung der Gemeinschaft genutzt. Alle Kinder Benpostas waren regelmäßig mindestens für einzelne Wochenende im – damals absolut ruhigen und kaum besuchten Kloster –  um eine Mischung aus Exerzitien, Gruppen - verbindenden Übungen, sportlichen Ertüchtigungen.....in immer wiederkehrender Regelmäßigkeit durchzuführen.
Die Begriffe, die wir heute benutzen würden, um die pädagogischen Anteile dieses Bereiches von Benposta zu beschreiben, könnten wir den in Deutschland zur Zeit sehr attraktiven Bereichen der Erlebnispädagogik entnehmen.

Die aktuelle Situation
Über die 1962 vereinbarte Nutzung der „Ruine“ durch Padre Silva und „seine “Jungen gibt es keinen schriftlichen Vertrag. Der Nachfolger des damaligen Bischof wollte das Kloster zu anderer Nutzung zurücknehmen und darüber gab es Streit mit Padre Silva, der das Kloster zu einem geistigen Zentrum ausbauen wollte. Der derzeitige Bischof entschied, um Streit aus dem Weg zu gehen, das Kloster und das zugehörige Land dem Staat Galizien zu schenken.
In den letzten Jahren sah es am Kloster oft so aus, wie oben beschrieben und die Tür
zum Wohnhaus war verschlossen.

Teil 5 - Die Biographie>>

(Geschrieben von Hans Bohmann und José Posada, August 2009, aus „Benposta,50 Jahren – Nación de los Muchachos“ in der Reihe: „Denken und Handeln“ der Ev.Fachochschule RWL in Bochum; Band 52)