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Situation der Kinder in Kolumbien

Spricht man von den Jungen und Mädchen, spricht man von Träumen, Freude und Hoffnung..., jedoch auch von Tragödien; Tragödien, die sich in den unheilvollen Lebensumständen offenbaren, denen diese Kinder unterworfen sind.

Die Mädchen und Jungen in Kolumbien sind täglich einem ‘Existenz- und Lebensrisiko’ ausgesetzt, da ihnen die minimalsten Voraussetzungen für die persönliche Verwirklichung und Entwicklung verwehrt werden.

Von den 16.722.708 in Kolumbien lebenden Kindern, das entspricht 41,5% der nationalen Bevölkerung,

  • leben 6.500.000 in Armut (38,9%) und von diesen 1.137.500 in Elendsverhältnissen (17,5%)
  • haben 2.000.000 keinen Zugang zu Bildungseinrichtungen
  • nutzen 20 – 30 Mio Kinder die Strasse als Hauptlebensraum
  • sind 2.500.000 Arbeiter, von denen 800.000 zwischen 6 und 11 Jahre alt sind, wobei sich 80% von ihnen im informellen Sektor betätigen und Aktivitäten entwickeln, die eine ernsthafte physische und psychische Gefahr für ihr Leben mit sich bringen
  • werden 2.000.000 jährlich misshandelt.

Vergleicht man den Anteil der Rechte der Kinder mit einem Thermometer, um den aktuellen Gesundheitszustand zu messen, spiegeln diese simplen und kalten Statistiken ein Sozialsystem wider, welches sich als im Sterben liegend oder sich zumindest in kritischem Zustand befindlich herausstellen könnte.

Die auf die Kinder ausgerichteten Aktionen der bewaffneten Gruppierungen erschweren die ohnehin bereits kritische Situation, indem sie weiteren Gewaltformen ausgesetzt werden, wie z. B.: Totschlag, aussergerichtlichen Exekutionen, aus Konfrontation von bewaffneten Gruppierungen resultierende Verbrechen, Folter, Zwangsverschwinden, Entführung, sexuelle Gewalt, Zwangsprostitution, Zwangsvertreibung und Rekrutierung.
Aufgrund der Wichtigkeit werde ich mich auf einige dieser Aspekte beschränken:

Entführungen
Die Praxis der Entführungen durch an den Feindseligkeiten beteiligte bewaffnete Gruppierungen betreffen weiterhin Jungen und Mädchen. Zwischen Juni 2002 und Juli 2005 wurden 4.650 Entführungen registriert. Das bedeutet, dass durchschnittlich 1.550 Personen jährlich entführt werden, innerhalb dieser Gruppe befinden sich Jungen und Mädchen.

Sexuelle Gewalt
Die Frauen und Mädchen sind immer noch die Hauptopfer sexueller Gewalt in Kolumbien. Der bewaffnete Konflikt erhöht die Verwundbarkeit der Frauen und Mädchen, die unter sexueller Verfolgung, Genitalverstümmelung oder Folter leiden. Die geringe Ziffer an Anzeigen dieser Verbrechen auf die persönliche Unversehrtheit und die herrschende Straffreiheit erschweren das Problem. Die Möglichkeiten, die Verantwortlichen sexueller Gewalt zu verurteilen, liegen praktisch bei Null, vor allem, wenn es sich bei den mutmasslichen Tätern um Mitglieder von Sicherheitskräften, des Paramilitärs oder der Guerilla handelt.

Auferlegung von Verhaltenskodizes
Die nicht-staatlichen bewaffneten Gruppierungen, d. h. die Guerrillas und insbesondere die Paramilitärs, üben in ihren Einflussgebieten soziale Kontrollmechanismen auf die Zivilbevölkerung aus, die besonders Heranwachsende betreffen. Diese mit Waffengewalt auferlegten Vorschriften beschränken ihre Freiheit, ihre Autonomie, Intimität und Identität; die Nicheinhaltung dieser Regeln birgt für die Mädchen und Jungen die Gefahr von Folter und grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Misshandlungen bis hin zu aussergerichtlichen Hinrichtungen.

Zwangsvertreibung
Laut Schätzung der Regierung Kolumbiens gibt es 2,5 bis 3 Millionen Zwangsvertriebene innerhalb des Landes, wobei bis zum 30. April 2006 1.796.508 im Sistema Único de Registro (SUR) registriert wurden. Nach Angaben der beratenden Institution für Menschenrechte und Vertreibung (CODHES) wurden aufgrund der Gewalttätigkeiten bis zum 25. Oktober 2005 3.662.842 Personen vertrieben. Und diese Zahl steigt täglich an, resultierend aus der mit den internen bewaffneten Konflikten verbundenen politischen Gewalt. Die Androhung von Zwangsrekrutierung oder das Risiko, dass die Kinder sich den kämpfenden Gruppen anschliessen, ist einer der Gründe.
Die Jungen, Mädchen und Frauen, die aufgrund des Krieges vertrieben wurden, sind, neben der extremen Armut in Übergangslagern oder in den Vierteln abseits der Städte, aufgrund ihrer verletzlichen Situation weiteren Risiken wie neuen Aggressionen und Misshandlungen durch Angriffe bewaffneter Gruppen, sowie der Rekrutierung, ausgesetzt. Zur Trauer um die Eltern oder anderer Familienmitglieder kommt in einem für die Bildung der Persönlichkeit entscheidenden Alter vor allem die Entwurzelung und der Zerfall der symbolischen und kulturellen Welt hinzu.

Indirekte Beteiligung
Weitere Formen, die Jugendlichen einzubinden, sind Bürger- oder Gemeinschaftsprogramme, die von Streitkräften oder der Polizei gefördert oder geleitet werden. Wenngleich sie sich dabei auch nicht an militärischen Aktionen beteiligen, entwickeln sie Aktivitäten, die sie indirekt miteinbeziehen. Ihr Einsatz durch die sich bekämpfenden Kräfte als uniformtragende Informanten, Boten, Späher, Streifen und bei öffentlichen Veranstaltungen bringt ihr Leben ernsthaft in Gefahr. Die Idealisierung der Militäraktionen und der Kämpfer als Helden, die Verinnerlichung von Werten des Krieges und die Erpressung von Geld oder anderen Dingen sind Mittel, die von sämtlichen bewaffneten Gruppen, einschliesslich des Staates, eingesetzt werden, um die Kinder in den Konflikt hineinzuziehen.
Besonders besorgniserregend sind die von den militärischen Kräften vorgestellten Programme, um die Jungen und Mädchen an die Dynamik des bewaffneten Konfliktes zu binden. So gab es bis vor kurzem in Arauca ein von Soldaten durchgeführtes Programm, welches von der Hauptverwaltung der Nation abgesetzt wurde, da man es als zu gefährlich für die Kinder erachtete und es ausserhalb des Kompetenzbereichs der staatlichen Streitmacht lag.

Verbindung zu bewaffneten Gruppen
Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Einbindung und der Einsatz der Kinder durch die verschiedenen bewaffneten Gruppen ganzheitlich analysiert werden sollten, da es in den meisten Fällen der wirtschaftliche Ausschluss, die mangelnden Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten sowie die soziale Ausgrenzung sind, die die Jungen und Mädchen in den Krieg führen; die Lebensumstände, denen sie unterworfen sind, verschlechtern ihre bereits unsichere Situation erheblich.
Wir weisen besorgt darauf hin, dass die Guerillas und die paramilitärischen Gruppen eine grosse Anzahl von Kindern für den Krieg einsetzen. Guerrillas und Paramilitärs ziehen trotz der unterzeichneten Abkommen zur Abschaffung dieser gegen das internationale humanitäre Recht und die Menschenrechte verstossenden Praxis weiterhin Jungen, Mädchen und Jugendliche in ihre Reihen ein.

 

Beispiele von Kindern, die in Benposta aufgenommen wurden:

1) Mädchen im Alter von 12 Jahren. Die Tante des Mädchens bat Benposta wegen einer in Guaybal-Tolima bestehenden Gefahrensituation um Hilfe. Die Familie der Jugendlichen berichtete, dass es in dem Dorf, wo sie lebten, wenig Schulen gäbe, so dass die Mehrzahl der Jugendlichen Schulen in nahe gelegenen Dörfern aufsuchen mussten. Julieth besuchte die Schule in El Peñón Tolima und musste, um pünktlich anzukommen, drei Stunden vor Schulbeginn aufbrechen. Mitte des Jahres 2010 wurde sie fortwährend von fremden Männern angesprochen, die ihr, vorausgesetzt, sie würde sich einer Gruppe anschliessen, Arbeit und bessere Lebensbedingungen anboten, was Julieth immer ablehnte. Bei einer Gelegenheit auf dem Weg zu ihrer Wohnung näherte sich ihr ein Mann, der ihr ein Geschenk versprach und ihr sagte,  er könne ihr ein besseres Leben ermöglichen. Da sie von ihrer Grossmutter gewarnt wurde, liess sich das Mädchen trotz des Drängens des Mannes auf nichts ein. Später hörte die Grossmutter Kommentare aus dem Dorf, dass man Julieth wegbringen wolle, da sie ein sehr hübsches Mädchen sei und genau das richtige Alter habe, um einer Gruppe beizutreten. Hinzu kam, dass eine Person aus dem Dorf der Grossmutter die Nachricht überbrachte, dass sie das Mädchen schnellstmöglich aus dem Dorf wegbringen solle, ansonsten werden sie sich Julieth holen.            

2) Jugendlicher im Alter von 16 Jahren. Juni 2011. Einheimischer der indianischen an der Grenze von Puerto Liberador und Montelíbano gelegenen Gemeinde Narindó Vidrí. Die Vorfälle ereigneten sich in dieser Region, da es dort viele illegal Bewaffnete gab, die anfänglich versuchten, die Einheimischen zur Mitarbeit und Mitverschwörung zu überzeugen, später dann unter Druck setzten, damit sie sie ohne Bezahlung mit dem Aussenborder (Kanu mit Motor) von einem Ort zum anderen beförderten und gleichzeitig auch den Druck erhöhten und sie bedrohten, um sie zur Mitwirkung zu bewegen. Aufgrund dieser Einschüchterungen und der Ausbeutung durch die Gruppe wurde der Vater krank, woraufhin sie aufbrachen, um medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er kam nach Hause und wurde gewaltsam verschleppt, unter Todesdrohungen uniformiert und gezwungen, vier Tage mit ihnen mitzuziehen. Während dieser Zeit entschied er sich, zu flüchten und nach Hause zurückzukehren, wo sie ihn erneut suchten; er jedoch hatte sich eingeschlossen und reagierte nicht auf deren Rufe. Später machte er sich auf Pfaden auf den Weg in die Stadt Puerto Liberador, wo er auf seiner Durchreise drei Tage in einem Schutzhaus für Ureinwohner verbrachte. Aus Angst und Verzweiflung verliess er das Haus, ohne jemandem eine Nachricht zu hinterlassen, und machte sich auf den Weg in die Stadt Tierralta, um sich dort in Sicherheit zu bringen. Dort befand sich sein Bruder, bei dem er zur Zeit lebt. Die ganze Familie ist jedoch aufgrund der Situation in der Stadt, wo sich ebenfalls viele illegal Bewaffnete befinden, sehr besorgt und befürchtet, dass sie ihn ausfindig machen und ihm etwas antun könnten, da sie kürzlich erfahren haben, dass versucht wurde, seinen Aufenthaltsort herauszufinden.

Autor: José Luis Campo
Übersetzung aus dem Spanischen: Ilona Jansen